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170 Jahre deutsch-guatemaltekischer Kaffeehandel

170 Jahre deutsch-guatemaltekischer Kaffeehandel iStock/ MattiaATH

Die deutsche Einwanderung nach Guatemala begann Anfang des 19. Jahrhunderts. Doch erst eine liberale Einwanderungspolitik in den 70er Jahren des vorvergangenen Jahrhunderts führte zu einem regelrechten Immigrationsboom von Europäern nach Guatemala.


Die Deutschen unter ihnen konzentrierten sich auf den Kaffee-Anbau in den zentralen Regionen des Landes, kauften und bewirtschafteten große Kaffeefincas und stiegen so zum größten Exporteur der koffeinhaltigen Bohne auf. Zwischenzeitlich war ein Drittel der Kaffee-Exporte des Landes  „deutsch-guatemaltekischer“  Herkunft.

 


170 Jahre Handel, Freundschaft  und Seefahrt


Bereits 1847 unterzeichneten die noch junge Republik Guatemala und die deutschen Hansestädte Hamburg, Bremen und Lübeck einen Handels-, Freundschafts- und Seefahrtsvertrag – der erste des Landes überhaupt mit ausländischen Mächten. In diesen Tagen begehen Deutschland und Guatemala feierlich das 170-jährige Jubiläum des Abkommens. Gegenseitige Besuche von Wirtschaftsdelegationen im Laufe dieses Jahres haben zum Ziel, den Außenhandelsbeziehungen weiteren Schub zu verleihen. In Zeiten des um sich greifenden Protektionimus ist es ein willkommender Denkanstoß, sich die über Jahrtausende bewährten positiven Effekte von internationalen Handelsbeziehungen in Erinnerung zu rufen: freundschaftliche zwischenstaatliche Beziehungen, Wohlstandsgewinne, persönliche Verbindungen. Auch der Hamburger Senat wird diesen Anlass gebührend begehen und im September einen Senatsempfang geben. Die Beziehungen zwischen beiden (Bundes-) Staaten sind besonders eng. Denn es waren bei Weitem nicht nur Deutsche, die aus Not ihr Land verließen, um es in der Ferne zu Wohlstand zu bringen. Insbesondere hanseatische Patrizierfamilien schickten ihre Sprösslinge gerne für ein paar Jahre nach Zentralamerika, damit diese sich dort erste Lorbeeren in der Vermögensvermehrung erwerben konnten. So waren es auch Vertreter großer Hamburger Familien wie der Sievekings oder Berenbergs, die Ende des 19. Jahrhunderts in den Passagierlisten nach Guatemala auftauchten.

 

ccby-sa30wikimediaorgsimonburchellNach der Deutschen Reichseinigung 1871 handelte Reichskanzler Otto von Bismarck, für den die Steigerung des Außenhandelsvolumens aus geopolitischen Gründen eine absolute Priorität hatte, ein überaus vorteilhaftes Abkommen mit Guatemala aus, das den Deutschen Sonderrechte beim Landkauf einräumte und so die deutsche Vormachtstellung im Kaffeeanbau beflügelte. Die reibungslose Einfuhr wurde durch einen eigenen Liniendienst der HAPAG (Hamburg-Amerikanische-Packetfahrt-Actien-Gesellschaft) zwischen Zentralamerika und Hamburg sichergestellt. Das lukrative Kaffeegeschäft boomte – 1897 besaßen die Deutschen rund 170 Kaffeefincas im Land. Der Ausbruch des 1. Weltkriegs und die Weltwirtschaftskrise der 20. Jahre versetzten dem Geschäft in der Folge jedoch einen empfindlichen Dämpfer.

 


Nationalsozialismus


Während des Dritten Reichs verschlechterten sich die Beziehungen rapide. Hitler war die negative Außenhandelsbilanz mit Guatamala (und anderen Staaten) ein Dorn im Auge: er ordnete an, dass diese ausgeglichen zu sein habe. Mit der Einführung des Askimark-Währungssystems (Ausländer-Sonderkonten für den Inlandszahlungsverkehr – Aski) gerieten die Kaffee-Exporteure unter Druck, konnten ihren Marktanteil jedoch weitestgehend halten. Für Waren, die in das Reich importiert wurden, wurden Aski-Mark auf ein Sonderkonto eingezahlt, mit denen im Gegenzug nur für deutsche Waren bezahlt werden konnte. Man erhoffte sich so eine Steigerung des Exportvolumens aus dem Deutschen Reich. Einige wie der Jude Erwin Paul Dieseldorff  - auch er einer Hamburger Familie enstammend und ein dezidierter Nazi-Gegner, wandten sich neuen Märkten und hier vor allem den USA zu. Die Auseinandersetzung der Unterstützer und Gegner Hitlers drohte bald das Land zu spalten. Tatsächlich begann der deutsche Pfarrer Otto Langmann bereits 1931 damit, den Nationalsozialismus in Guatemala zu etablieren. Schließlich wurde 1932 noch vor der Machtübernahme im Reich eine NSDAP-Auslandsorganisation gegründet. Wie eng die Zusammenarbeit mit den Nazis in Deutschland war und auch neutrale oder regimekritische Deutsche in Guatemala unter Druck setzte, zeigt sich anhand folgender Anekdote: als Reaktion auf eine Auseinandersetzung zwischen Mitarbeitern der angesehenen Familie Nottebohm in Guatemala und NSDAP-AO-Vertretern lud man in Hamburg Carl Ludwig Nottebohm zum Verhör. Familienangehörige in Deutschland waren grundsätzlich latent in Gefahr, wenn man in Guatemala zu opponieren gedachte.

 

Die nationalsozialistische Agitation trieb die USA zunehmend um. Während es zuvor zuallererst um den wirtschaftlichen Einfluss in dem zentralamerikanischen Land gegangen war, rückten nun geopolitische Interessen in den Vordergrund. Keinesfalls wollte man praktisch vor der eigenen Haustür eine Außenstelle Hitler-Deutschlands dulden. Der endgültige Wendepunkt kam mit dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor Ende 1941. In dessen Folge erklärte Guatemala auf Druck der USA Deutschland und seinen Verbündeten den Krieg. Es folge eine schwere Zeit für die Deutschen. Zahlreiche Deportationen in sogenannte Auffanglager in den USA und Enteignungen beendeten die priveligierte Stellung, die sich die Auslandsdeutschen über mehr als ein Jahrhundert hinweg in Guatemala erabeitet hatten.

 


Die Beziehungen heute


Die Beziehungen zwischen Deutschland und Guatemala haben sich seit ccby-nc20flickrcomnelomijangosdem 2. Weltkrieg wieder stetig verbessert und gelten heute als ausgezeichnet. Hamburg ist noch heute der größte europäische Importhafen für Kaffee aus aller Welt und Nachkommen deutscher Einwanderer sitzen in Guatemala an Schlüsselstellen in Politik und Wirtschaft. Also alles gut? Das dann doch nicht: das Außenhandelsvolumen und die Direktinvestitionen in dem zentralamerikanischen Land könnten (nicht nur mit und aus Deutschland) exponentiell steigen, wenn die Rechtssicherheit und das Wettbewerbsrecht internationalen Standards genügen würden. Auch die beschämend niedrige Beteiligung indigener Bevölkerungsgruppen am wirtschaftlichen-sozialen Fortschritt, der sich insbesondere in Guatemala-Stadt zeigt, ist eine schwere moralische und ökonomische Bürde, die das Land im ureigenen Interesse überwinden muss.  Doch der Wille hierzu ist in Guatemala greifbar – manchmal übrigens auch gegen den Widerstand deutscher Großgrundbesitzer im „Herz der Maya-Welt“  (offizieller Werbe-Claim), die an der „guten alten Zeit“ festhalten wollen. Guatemala ist ein strukturkonservatives Land, das liberale Reformen anpacken muss, um stärker und inklusiver zu wachsen als bisher. Wie groß das Potenzial insbesondere für Guatemala ist, zeigt sich auch an folgender Zahl: mit rund 110 Mrd. Euro ist das Bruttoinlandsprodukt Hamburgs rund doppelt so groß wie das ganz Guatemalas (2016).

 


David Henneberger ist Projektleiter der Stiftung für die Freiheit für Zentralamerika.

 

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